3. Funktionelle Stimmstörungen

Funktionelle Dysphonien sind Krankheiten der Stimme, die durch eine Störung des Stimmklanges und der stimmlichen Leistungsfähigkeit gekennzeichnet sind, ohne dass sich krankhafte, primär organische Veränderungen am Stimmapparat nach­weisen lassen.

Einteilung und Ursachen

Ursächlich wird ein multifaktorielles Geschehen angenommen , das sich durch 4 Haupt­komponenten charakterisieren lässt (Teil I, Abb. 3).
  • Konstitutionelle Faktoren: Anlagebedingte Minderwertigkeit der stimmgebenden Organe, vor allem Anomalien im Bereich des Kehlkopfes. Darüber hinaus ist auch die gesamtkör­perliche, neurovegetative und psychische Konstitution miteingeschlossen.
  • Habituelle Faktoren: Gewohnheitsmäßig durch bewusstes oder unbewusstes Lernen erworbene stimmschädigende Angewohnheiten (Räuspern, harter Stimmeinsatz, gepresste Stimmgebung, nachlässige Artikulation, etc.).
  • Ponogene Faktoren: (von gr. ponos = Arbeit) Durch zu starke stimmliche Anstrengung, durch zu langes oder zu lautes Sprechen verursacht. Von besonderer Bedeutung scheint dabei ein ständiges Abweichen von der mittleren/physiologischen Sprechstimmlage, wie es vor allem beim Sprechen im Lärm auftritt, zu sein. Ponogene Faktoren sind im speziellen die Grundlage für die Berufsstimmstö­rung (Berufsdysphonie), bei der immer ein Missverhältnis zwischen der gefor­derten und der realisierbaren Stimmleistung vorliegt.
    Unter Berufsstimmstörungen fasst man eine Gruppe funktioneller Stimmstörungen zusammen, die im Zusammenhang mit der Ausübung sprechintensiver Berufe (z.B. Lehrer, Kindergärtne­rinnen, Schauspieler, Sänger) auftreten. Als auslösende Faktoren gelten u.a. Über- und Fehlbeanspruchung der Stimme, fehlerhafte Sprechtechnik, psychovegetative Faktoren, Mangel an individueller Leistungs­fähigkeit und Belastbarkeit sowie ein ungünstiges Sprechmilieu (z.B. Umgebungslärm) (Tab. 15). Typisch sind zunehmende Heiserkeit nach zwei- bis dreistündigem Sprechen, Räusper­zwang und Trockenheitsgefühl sowie Schmerzen im Halsbereich. Das klinische Bild entspricht großteils einer hyperfunktionellen Dysphonie. Zur genauen Abklärung ist eine phoniatrische Untersuchung erforderlich. Bei der Behandlung sollten vorbeugende Maßnahmen an erster Stelle stehen, welche aus phoniatrischen Tauglichkeitsuntersuchungen vor Beginn der Ausbil­dung, einer fundierten Stimm- und Sprecherziehung und einer optimalen Stimmhygiene bestehen. Be­reits manifeste Störungen bedürfen primär einer konsequen­ten logopädischen Therapie, bei bereits eingetretenen sekundären organischen Veränderungen in Kombination mit laryngologischen und phonochirurgischen Maßnahmen.
    Exogene Faktoren
    • Hohe Stimmbelastung (Unterrichtsdauer, Klassen- oder Gruppengröße, Raumakustik, Störlärmpegel)
    • Körperliche und psychische Belastung durch den Beruf
    Endogene Faktoren
    • Geringe stimmliche Leistungsfähigkeit (Konstitution, Alter, Krankheit)
    • Mangelnde Stimmtechnik und- Hygiene
    • Mangelhafte Artikulation (Vokale und Konsonanten)
    • Hormonelle Umstellung
    • Seelische Probleme
    Tab. 15: Ursächliche und disponierende Faktoren bei der Berufsdysphonie (nach Arndt, 1982)
  • Psychogene Faktoren: Bei den bereits herausgestellten, engen Wechselbeziehungen zwi­schen Persönlichkeit und Stimme sind psychische Belastungen und Fehlsteuerungen eine wichtige Ursache für die Entstehung von Stimmstörungen.

    Bei der Entstehung der psychogenen Dysphonie spielen (konversions-)neurotische Fehlentwicklungen, Persönlich­keitsauffälligkeiten, Stresssituationen und belastende Lebensereignisse (sog. live events) eine wesentliche Rolle. Sie tritt unabhängig von einer Stimmbelastung auf und wird am häufigsten bei Frauen diagnostiziert. Als Ex­tremformen ist die psychogene Aphonie anzuse­hen. Diese stellt ein eindrucksvolles und für den erfahrenen Untersucher leicht zu diagnostizierendes Krankheitsbild dar. Ty­pisch ist ein völliger Stimmverlust - d.h. die Betroffenen können sich nur mit tonlosem Flüstern verständigen - bei gleichzeitig völlig unauffälligem organischen Kehlkopfbefund. Die reflekto­rischen Stimmleistungen sind dagegen voll erhalten, d.h. Husten und Räuspern sind stimmhaft möglich (Differentialdiagnose zur Stimmlippenlähmung). Therapeutisch wichtig ist das sofortige Einsetzen logopädischer Maßnahmen mög­lichst bald nach Auftreten der Aphonie, da mit je­dem Tag des Fortbestehens der Stimmlosigkeit eine stärkere Fixierung zu erwar­ten ist. Die Therapie der psychogenen Dysphonie sollte die Gesamtpersönlichkeit des Pa­tienten erfassen. Häufig führt eine kom­binierte logopädisch - psychologische Therapie zum Erfolg.

    Eine zusätzliche Gruppe kann als symptomatisch bezeichnet werden, d.h. durch eine an­dere Grundkrankheit bedingt. Die Stimmstörung tritt dann als Symptom z.B. einer schweren Allgemeinerkrankung auf.

Symptomatologie

Funktionelle Dysphonien können im Sinne eines "Zuviel" (hyperfunktionelle Dys­phonie) oder eines "Zuwenig" (hypofunktionelle Dysphonie) auftreten.
Die hyperfunktionelle Dysphonie ist die häufigste Manifestationsform. Dabei wer­den als subjektive Beschwerden Missempfindungen und Schmerzen unterschiedli­chen Grades im Hals- und Kehlkopfbereich angegeben. Zusätzlich bestehen häufig Räusperzwang, Mund­trockenheit sowie frühzeitige Stimmermüdung. Die Atmung ist im Sinne einer Hochat­mung gestört. Die Stimme klingt rau, belegt, heiser, gepresst und knarrend. Die Stimmein­sätze sind hart, die mittlere Sprechtonhöhe ist erhöht. Letztlich kann auch eine allgemeine Ver­spannung (Unterkiefer-, Hals-Na­cken-Muskulatur) vorliegen.
Typisch für die hyperfunktionelle Dysphonie ist eine muskuläre Kontraktion der Supraglottis bei der Phonation. Bei extremer Hyperfunktion kann es zu einer Annäherung und zum Kontakt der Taschenfalten in der Mittellinie kommen. Diese beginnen - ähnlich den Stimmlippen - im Ausatmungsstrom zu schwingen und erzeugen eine tiefe, raue und knarrende Taschenfaltenstimme. Neben dieser unerwünschten therapiebedürftigen Form gibt es eine erwünschte Taschenfaltenstimme, nämlich dann, wenn die Stimmlippen selbst durch Erkrankungen, Operationen schwingungsunfähig sind.
Die Symptomatik der hypofunktionellen Dysphonie ist gekennzeichnet durch eine leise und behauchte Stimme mit geringer Steigerungsfähigkeit und matter Klang­farbe sowie durch geringen Muskeltonus. Sie entwickelt sich nicht selten aus einer hyperfunktionellen Stimm­stö­rung. Manchmal liegen gleichzeitig hyper- und hypofunktionelle Symptome vor.
Im Vorschulalter ist die Häufigkeit von Stimmstörungen besonders groß, wobei die juvenile hyperfunktionelle Dysphonie an erster Stelle steht. Für ihre Entstehung sind vor allem die noch mangelhafte muskuläre und nervale Differenzierung der Phonationsmuskulatur, for­ciertes, unkontrolliertes Sprech- und Schreiverhalten, vorausgegangene Infekte der oberen und unteren Luftwege, Kehlkopfasymmetrien sowie fehlerhafte Stimmgewohnheiten der Umgebung verantwortlich. Die Kinder sind in ihrer Persönlichkeit laut, aktiv und extrover­tiert. Ihr Spielverhalten ist domi­nierend und aggressiv. Knaben sind häufiger betroffen als Mädchen. Im fortgeschrittenen Stadium kann nicht selten eine Knötchenbildung an den Stimmlippen beoabachtet werden ("Schreiknötchen"). Als Therapie muss primär eine gezielte Elternberatung über stimmhygienische Maßnahmen stattfinden. Der klinische Verlauf soll durch regelmäßige phoniatri­sche Untersuchungen kontrolliert werden. Bei zunehmender Symptomatik sollte gegebenenfalls eine altersadäquate Stimmtherapie eingeleitet werden. Die operative Entfernung von Stimmlippenknöt­chen im Rahmen einer hyperfunktionellen Dysphonie ist beim Kind nur in Ausnahmefällen angezeigt.
Letzte Aktualisierung: 30.07.2014