2.7 Hormonelle und entwicklungsbedingte Stimmstörungen

Entwicklung der Stimme

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Abb. 9: Stimmumfänge und mittlere Sprechstimmlage (Doppellinie) im Verlaufe des Lebens.
Ausgehend vom reflektorischen Neugeborenenschrei, der um 440 Hz (a1) liegt, sinkt die Sprechstimmlage im Laufe des Wachstums allmählich ab und liegt im Alter von neun Jah­ren im Bereich zwischen 220 Hz (a) und 330 (e1). Parallel damit erweitert sich der Stimmumfang auf etwa 2 Oktaven. Ab etwa dem neunten Lebensjahr beginnt sich die Stimmentwicklung zwischen Mädchen und Knaben zu unterscheiden.
Bei den Knaben kommt es durch die in der Pubertät erhöhte Produktion von Androgenen zu einem Wachstum des Kehl­kopfes. Die Schildknor­pelplatten springen dadurch stärker hervor und werden als Adamsapfel sichtbar. Dadurch werden auch die Stimmlippen um ca. 1 cm ver­längert. Diese Längenzunahme der Stimm­lippen ist die Ursache für das Absin­ken der Stimme während der Mutation. Vom Ablauf her unterscheidet man eine Prämutation (ca. 9. - 12. Lebensjahr) eine eigentliche Mutation (ca. 12. - 16. Lebensjahr) und eine Postmutationsphase (ca. 16. - 18. Lebensjahr). Während der eigentlichen Mutation sinkt die Stimme des Knaben um eine Oktave ab. In dieser Zeit ist die Stimme oft heiser, wenig leistungsfähig und "kippt" (Stimmbruch). Diese Phase sollte bis zum 16. Lebensjahr abgeschlossen sein und nicht länger als zwei Jahre dauern. Der Stimmwechsel setzt bei den Mädchen um ein bis zwei Jahre früher ein und verläuft wesentlich unauffälliger. Die Stimmlage sinkt um etwa eine Terz ab.

Mutationsstimmstörungen

Organische

  • persistierende Kinderstimme
  • perverse Mutation

funktionelle

  • unvollständige Mutation
  • Mutationsfistelstimme

Dysphonien im weiblichen Funktionszyklus

  • (präe-) menstruelle Dysphonie
  • Laryngopathia gravidarum
  • Schwangerschaftsmutation
  • klimakterische Dysphonie
  • Altersstimme
Tab. 13: Entwicklungsbedingte Stimmstörungen
Ihre endgültige Ausprägung erhält die Stimme erst nach Abschluss der Postmuta­tionsphase (beim Knaben 18. Lebensjahr, beim Mädchen 16. Lebensjahr). Erst danach sollte mit einer professionellen Gesangsausbildung begonnen werden.

Mutationsstimmstörungen

(Tab. 13)

Während des Stimmwechsels befindet sich der gesamte Kehlkopf in einem tiefgreifenden Umbau und in einem leistungsmäßig labilen Zustand mit eingeschränkter Belastbarkeit. Die Mutation stellt daher, besonders beim männlichen Geschlecht, eine kritische Periode der Stimmentwicklung dar. Bei Stö­rungen im physiologischen Ablauf der Mutation entwickeln sich Mutationsstimmstörungen. Als Ur­sachen kommen lokale, psychogene, hormonelle und sensorielle Faktoren in Frage.
  • Lokale Ursachen sind vor allem ein falscher Muskeltonus mit gestörtem Zusammenspiel der Kehlkopfmuskeln. Während des raschen Kehlkopfwachstums in der Mutation kommt es nicht selten zur Ausbildung von Anomalien und Asymmetrien des Kehlkopfgerüstes.
  • Psychische Faktoren spielen gerade in der sensiblen Phase der Pubertät eine wesent­liche Rolle. Oft halten die Jugendlichen zäh an der Kinderstimme fest, weil sie - bewusst oder unbewusst - den Übertritt ins Erwachsenenalter fürchten. Häufig besteht auch eine besonders starke Mutterbin­dung.
  • Die hormonelle Situation ist bei Mutationsstörungen immer zu berücksichtigen. Beim Ausfall der phy­siologischen Bildung der Geschlechtshormone bleibt die Mutation mit allen morphologischen und funktio­nellen Manifestationen aus. Der Kehlkopf bleibt klein kindlich, die Stimme hoch.
  • Sensorielle Faktoren sind häufig eine Mitursache bei der Entstehung von Mutationsstimmstörungen. Nach dem Wachstum des Kehlkopfes muss die neue, tiefe Stimme unter dem Einfluss der auditiven Rückkoppelung eingeübt und neue Phonationsmuster aufgebaut werden. Bei fehlender akustischer Rückkoppelung wie z.B. bei Schwerhörigkeit oder Amusikalität, kann diese Anpassung erschwert sein.
Mutationsstimmstörungen kommen sowohl bei Mädchen und als auch bei Knaben vor, sind jedoch bei Knaben wesentlich häufiger und auffälliger.
Man unterscheidet Mutationsstimmstörungen auf organischer und auf funktioneller Grundlage.
  • Organische Mutationsstimmstörungen

    Ausbleibende Mutation (persistierende Kinderstimme): Bei Fehlen von Testosteron durch Krankheit oder in früheren Zeiten (17., 18. JH) nach Kastration (Kastratensänger).

    Perverse Mutation bei Mädchen: Stimmvirilisierung durch exogene Androgenzufuhr oder endogen pathologische Hormonproduktion.
     
  • Funktionelle Mutationsstimmstörungen

    Unvollständige Mutation (Mutatio tarda, Mutatio incompleta oder Mutatio prolongata): Unvollständiges Absinken der Sprechstimmlage bei normaler allgemeiner Geschlechtsentwicklung und normalem Kehlkopfwachstum (larvierte Mutationsstimmsötrungen).

    Mutationsfistelstimme: Funktionelle Beibehaltung der kindlichen Stimmlage durch gewohnheitsmäßige Fixierung, ausgelöst durch meist psychische Faktoren wie z.B.: verstärke Mutterbindung, unbewusste Ablehnung des Erwachsenwerdens, emotionale Retardierung.

Dysphonien im weiblichen Funktionszyklus

Durch die hormonellen Schwankungen während des weiblichen Zyklus kann die Stimm­leistungsfähigkeit zur Zeit der Menstruation eingeschränkt sein (prämenstruelle oder menstruelle Dysphonie). Betroffen ist davon vor allem die Singstimme und damit die Berufssängerin.
Ab dem 5. Schwangerschaftsmonat lässt sich bei 20 % aller Schwangeren Hinweise auf eine Largyngopathia gravidarum erheben. Es kommt dabei zu einem hormonell ausgelösten Schleimhautödem der Stimmlippen mit Dysphonie, Trockenheits-, Fremdkörpergefühl sowie Verschleimungen und Borkenbildung im Kehlkopf. Es können Zusammenhänge mit einer Schwangerschaftsgestose bestehen. Die Veränderungen bilden sich nach der Entbindung vollständig zurück.
Extrem selten kann es zu einer Schwangerschaftsmutation kommen. Dabei kommt es - vermutlich durch eine Hormonentgleisung mit erhöhter Androgenproduktion - zu einer Stimmvermännlichung mit dem Auftreten einer irreversiblen, männlich-tiefen Stimme.
Bedingt durch die hormonellen Ausfallserscheinungen im Klimakterium mit einem relativen Überwiegen der Androgene aus der Nebennierenrinde kommt es im Klimakterium zu einer leichten Stimmvertiefung mit Absinken der oberen Sprechstimmlage. Die Stimme ermüdet leicht und ist heiser. Abzugrenzen ist eine derartig physiologische klimakterische Dysphonie gegen iatrogene Stimmvirilisierungen, wie sie nicht selten im Rahmen der medikamentösen Therapie klimakterischer Beschwerden auftreten.
Als Altersstimme bezeichnet man die vielfältigen stimmlichen Veränderungen, wie sie im Alter sowohl bei Männern als auch bei Frauen auftreten. Die Ursache ist ein komplexer psychophysischer Involutionsprozess, der morphologische, endokrinologische, biochemische, zentralnervöse und neuromuskuläre Faktoren umfasst. Es kommt zu einem Absinken der Sprechstimmlage bei Frauen und einem Ansteigen bei Männern, Einschränkung des Stimmumfanges und der Dynamikbreite, die Altersstimme ermüdet rasch, klingt farblos, matt, die Stimmgenauigkeit nimmt ab und die Stimme neigt zum Tremolieren. Sie klingt verhaucht, belegt, brüchig, auch scharf oder schrill.

Hormonell bedingte Stimmstörungen

(Tab. 14)

Medikamentös bedingt

  • Androgene
  • Anabolika
  • Spironolactonpräparate

Endokrine Erkrankungen

Hypophysenerkrankungen

  • Akromegalie
  • hypophysärer Klein- und Zwergwuchs
  • Hypophysenvorderlappeninsuffizienz

Keimdrüsenerkrankungen

  • männlicher Hypogonadismus
  • hormonbildende Keimdrüsentumoren

Schilddrüsenerkrankungen

  • Hyperthyreose
  • Hypothyreose

Nebennierenrindenerkrankungen

  • Morbus Addison
  • adrenogenitales Syndrom
  • androgenbildende Tumoren der Nebennierenrinde
Tab. 14:  Hormonelle Stimmstörungen
Die Stellung des Kehlkopfes als sekundäres Geschlechtsmerkmal erklärt die hohe Sensibilität für Steroidhormone, insbesondere für Androgene, die auch über die Pubertät hinaus erhalten bleibt. Androgene Steroide führen zu einer Massenzunahme der Stimmlippenmuskulatur und zu einer Vergrößerung der Dehnbarkeit des Bindegewebes des Ligamentum vocale. Diese Veränderungen bilden die Grundlage für Virilisierungserscheinungen der Stimme bei Frauen und Kindern. Eine echte Größenzunahme des Kehlkopfskelettes mit Längenwachstum der Stimme erfolgt nach Abschluss des physiologischen Wachstums nicht mehr. Zur Auslösung solcher Virilisierungserscheinungen am Kehlkopf sind prinzipiell alle Stereoidhormone befähigt. Die stärkste Wirkung haben naturgemäß androgene und anabole Steroide. Eine Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen Steroidmenge und Virilisierungserscheinungen existiert nicht. So wurden volle Stimmvirilisierungen bei einer einzigen Gabe eines Androgenpräparates beobachtet, andererseits tolerieren Frauen die jahrelange Gabe von Testosteron-Präparaten ohne jede Stimmvirilisierung.
Die Anfangssymptome einer beginnenden Stimmvirilisierung sind uncharakteristisch: Stimmermüdung, unsichere Intonation und Heiserkeit. Erst später kommt es zur Absenkung der mittleren Sprechstimmlage. Ist eine Stimmvirilisierung eingetreten, sind diese Veränderungen irreversibel. Die Verordnung androgener Steroide sollte daher insbesondere bei Stimmberufen nur nach sorgfälitger Abwägung und Aufklärung der Patientin geschehen.
Eine Reihe weiterer endokriner Erkrankungen, wie Akromegalie, Hyper- und Hypothyreose gehen mit Stimmklangveränderungen einher. Auch hier können die Stimmveränderungen, insbesondere wenn es sich um diskrete hormonelle Störungen handelt, Früh- und Erstsymptom sein.
Letzte Aktualisierung: 30.07.2014