2.3 Kehlkopflähmungen

Schädigungen des des Nervus vagus (X. Hirnnerv) mit seinen beiden Ästen führen zu Kehlkopflähmungen. Als Ursache kommen eine Vielzahl unterschiedlicher Erkrankungen in Frage (Tab. 4). Am häufigsten treten Kehlkopflähmungen nach Operationen bzw. Traumen im Halsbereich (vor allem Strumaoperationen), bösartigen Tumoren (Bronchial-, Schilddrüsen-, Oesophaguskarzinome) und "idiopathisch" (heute vorwiegend mit Virusinfektionen in Zusammenhang gebracht) auf (Tab. 5).
Lähmungen des Nervus larygeus superior (Abb. 4)
Der Ausfall des oberen Kehlkopfnerven führt durch die Lähmung des Musculus crico­thyroideus zum Verlust der Spannungsfähigkeit der Stimmlippen und damit zum Ausfall der hohen Töne und weitgehender Einschränkung der Singstimme. Die Stimmlippenbeweg­lichkeit ist dabei nicht beeinträchtigt (Abb. 5).
Lähmungen des Nervus laryngeus inferior (Nervus recurrens) (Abb. 4)
Sein Ausfall führt zur Aufhebung der respiratorischen Beweglichkeit der betroffenen Stimm­lippe. Bei einseitigen Lähmungen besteht eine Heiserkeit deren Grad je nach der Position der gelähmten Stimmlippe stark variiert (Abb. 6). Je weiter die Stimmlippe in der Medianli­nie steht, desto besser ist der Glottisschluss und desto besser ist auch die Stimmgebung.
Bei beidseitigen Lähmungen steht zumeist die Atmennot im Vordergrund. Diese ist umso stärker je enger die Glottis ist (Abb. 7).
Allergisch Serumprophylaxe, z.B. bei Tetanus (Tetanusantitoxin)
Allergisch-toxisch Nach Tonsillektomie oder Zahnextrak­tion
Bronchialkarzinom Sitz im Ober- und Mittelgeschoß
Diabetes mellitus Diabetische Neuropathie
Endotracheale Intubation Überdehnung durch Lagerung oder Druckschädi­gung durch aufgeblasene Manschette
Erblich Doppelseitig kongenital oder später auftretend (Sipple Syndrom). Bei kongenitaler Lähmung Fixation immer in Paramedianstellung
Erkrankungen des Nervensystems Bulbärparalyse, Pseudobulbärparalyse, multiple Sklerose, amyotrophische Lateralsklerose, Syrin­gobulbie
Gefäßoperation Karotisendarterektomie (Nervus laryngeus superior oder inferior)
Halslymphknoten Präoperativ oder als Folge einer radikalen Hausausräumung
Herfordt-Syndrom Speicheldrüsenschwellungen, Uveitis
Herzerkrankungen Dilatation des linken Herzvorhofes bei Mitralste­nose (Ortner-Syndrom), Pulmonalstenose, Aneu­rysma der Aorta, Erweiterung oder Verlagerung der Pulmonalarterie bei Mitralstenose, Perikardi­tis, primäre pulmonale Hypertonie, Perikarditis
Herzoperationen Offener Ductus Botalli, Vorhofseptumdefekt
Hirnabszesse  
Hirntumoren  
Hypopharynxdivertikel-Operation Pulsionsdivertikel
Infektiös-toxisch Rheumatisch, Grippe, Herpes zoster,  Mononu­kleose, Diphtherie, Streptomycin, Chinin, Blei, Arsen, Poliomyelitis
Lungentuberkulose  
Mediastinalerkrankungen Metastasen, Lymphogranulomatose
Mißbildung der Zungenbeinkette Verknöcherung von Zungenbeinhorn, Lig. stylohyoideum und Lig. thyreohyoideum
Ösophaguskarzinom Oberes Drittel
Ösophagusoperationen  
Scharfes oder stumnpfes Halstrauma Unfall, Strangulation, Überdehung beim Turnen oder Chiropraktik; Mediastinoskopie; Punktion der V. jugularis
Schilddrüsenerkrankungen Struma maligna, Struma substernalis
Schilddrüsenoperation Nervenzerrung, Nervendurchtrennung
Tumoren der Schädelbasis Garcin-Syndrom
Tumoren des N. vagus Schwannom
Wallenberg-Syndrom Verschluss der A. cerebelli inferior posterior
Zystotatika neurotoxischer Effekt von Vinblastin und Vincri­stin
Tab. 4:   Ursachen von Stimmlippenlähmungen (nach Wirth, 1987)
Traumafolge, postoperativ 33,3 %
Tumore 33,6 %
Toxisch-infektiös 10,6 %
Herz-Gefäßerkrankungen 6,0 %
Sonstige 16,5 %
Tab. 5: Häufigkeit verschiedener Stimmlippenlähmungen (mod. nach Storchi, 1961)
 
 Nervus vagus und seine Äste Abb. 4: Nervus vagus und seine Äste. Lokalisation der wichtigsten Leitungsunterbrechungen mit Auswirkung auf den Kehlkopf, Gaumensegel und Rachen.

1: Lähmung des Nervus laryngeus superior
2: Lähmung des Nervus recurrens
3: Lähmung des Nervus vagus
4: Zentrale Kehlkopflähmungen
Abb. 5.: Lähmung des linken Nervus laryngeus superior Abb. 5.: Lähmung des linken Nervus laryngeus superior (Phonationsstellung).
Stimmlippenpositionen
Abb. 6: Stimmlippenpositionen
1: Median- oder Phonationsstellung
2: Paramedianstellung
3: Intermediärstellung
4: Lateral- oder Respirationsstellung

Lähmungen des Nervus vagus

(Abb. 4)
Eine Schädigung des gesamten N. vagus oberhalb des Abganges der Kehlkopfnerven bewirkt einen kompletten Ausfall der gesamten inneren Kehlkopfmuskulatur und daneben auch eine Lähmung des Gaumensegels und der Schlundmuskulatur. Die gelähmte Stimmlippe steht in Lateralposition, woraus meist eine schwere Stimmstörung resultiert. Zusätzlich besteht ein of­fenes Näseln und Schluckstörungen.
Stellung der Stimmlippen bei Kehlkopflähmungen
Abb. 7: Stellung der Stimmlippen bei Kehlkopflähmungen. Auswirkung auf Stimme und Atmung.

Zentrale Kehlkopflähmungen

(Abb. 4)
Sie entstehen bei Läsionen in den zentralen motorischen Bahnen und Kerne und sind durch abnorme Stimmlippenbewegungen charakterisiert, die Hinweise auf beginnende neurologische Erkrankungen geben können (z.B. multiple Sklerose). Diese Erkrankungen betreffen typischerweise auch die Atmung und die Artikulation und führen zu zentralen Sprechstörungen (sog. Dysarthrien).
Zur Behandlung der einseitigen Stimmlippenlähmung wird primär eine Stimmtherapie, in manchen Fällen in Kombination mit Reizstrom (Faradisation) durchgeführt. Ziel ist die Kom­pensation der Lähmung durch die bewegliche (gesunde) Stimmlippe (Abb. 8). Bei unzurei­chendem Be­handlungserfolg kann mit phonochirurgischen Maßnahmen eine Besserung der Stimmqualität erzielt werden (Füllplastik, Thyroplastik). Das Prinzip dabei ist eine Medianverlagerung der gelähmten Stimmlippe, um so zu einem vollständigen Glottisschluss zu gelangen. Bei beidseitigen Lähmungen stehen chirurgische Maßnahmen zur Verbesserung der Atemfunk­tion im Vordergrund (Laterofixation, endolaryngeale Laserresektion des Aryknorpels).  Es müssen die gelähmten Stimmlippen nach lateral verlagert werden, um eine für die Atmung ausreichend weite Glottis zu schaffen.
Kompensation der Stimmlippenlähmung Abb. 8: Kompensation der Stimmlippenlähmung rechts durch die Bewegung der linken (gesunden) Stimmlippe über die Mittellinie als Ergebnis logopädischer Therapie.

Eine Abschätzung der Prognose in Abhängigkeit von der Ursache gibt Tabelle 6.
 
Idiopathisch  80%
Neuritis 50%
Schilddrüsenoperationen 40%
Tab. 6: Prognose: Rückbildung der Stimmlippenlähmung (nach Wirth, 1987)
Als Differentialdiagnose zur Kehlkopflähmung müssen myogene (Myastenia gravis pseudoparalytica, Myopathie des Musculus vocalis etc.) oder artikuläre (Ankylose des Cricoarytenoidgelenkes, Interarytenoidfibrose etc.) ausgeschlossen werden.


Letzte Aktualisierung: 30.07.2014