1. Einleitung und Begriffsbestimmung

Die Beschreibung normaler und pathologischer Klangphänomene der Stimme mit sprachlichen Mitteln ist außerordentlich schwer. Dementsprechend sind eine große Anzahl von Adjektiva zur Beschreibung pathologischer Stimmklänge in Gebrauch (Tab. 1). Durch die prägnante Auswahl von polaren Adjektiva, die jeweils eine besondere Stimmqualität bezeichnen, wurde versucht, zu ei­ner präziseren Charakterisierung der Stimme zu kommen (Abb. 1). Trotzdem besteht Einigkeit darüber, dass in der klinischen Praxis auf blumige adjektivische Beschreibungen verzichtet und Heiserkeit als Über- und Sammelbegriff für alle pathologischen Stimmklänge verwendet werden sollte.


Eigenschaften der Stimme für die Beurteilung mit dem Gehör nach Habermann (1976)
Abb. 1: Eigenschaften der Stimme für die Beurteilung mit dem Gehör nach Habermann (1976)

 

krächzend
piepsend halsig stumpf
kratzend pfeifend kehlig hart
knarrend röchelnd flatternd kalt
rasselnd brummend schwebend    klangarm
prasselnd blechern wacklig dünn
schmirgelnd     gellend zittrig muffig
fauchend kreischend matt schwer
hauchig tonlos grell belegt
verhaucht gepreßt flach schneidend
scheppernd abgeschnürt    hohl verschleiert   
scherbelnd gestopft fädig  
gesprungen kloßig rauh  
nasal gaumig scharf  

 

Tab. 1:  Heiserkeitsformen nach Nessel (1960)
Heiserkeit wird als Oberbegriff für alle pathologischen Stimmklänge verwendet und ist das Leitsymptom der Stimmstörung oder Dysphonie. Daneben findet sich häufig eine eingeschränkte stimmliche Leistungsfähigkeit sowie eine Reihe fakultativer Symptome (Tab. 2).
 
Pathologischer Stimmklang = Heiserkeit + Mangelnde Belastbarkeit der Stimme
Schluckzwang
Trockenheit im Hals
Schleim
Druckgefühl
Hustenreiz
Anstrengungsgefühl
Kloßgefühl
Brennen
Schmerz
Räusperzwang
Ermüden oder Versagen beim Sprechen
Umkippen der Stimme

 
Tab.2: Haupt- und fakultative Symptome der Stimmstörung
Physikalisch liegt dem psychoakustischen Phänomen Heiserkeit eine Beimengung von Geräuschanteilen zum normalen Stimmklang zugrunde. Die Erklärung der Stimmerzeugung im Kehlkopf geht von der Wirkung myoelastischer und aerodynamischer Prinzipien aus (myoelastisch-aerodynamische Theorie der Stimmerzeugung). Danach werden die Stimmlip­penschwingungen durch das Wechselspiel zwischen subglottischem Druckanstieg und Einstellung der Kehlkopfmuskeln erzeugt (Abb. 2). Das periodische Wechselspiel dieser Kräfte erzeugt regelmäßige Stimmlippenschwingungen, die zur Erzeugung des Stimmklanges führen. Jede Störung der Schwingungsbewegung durch Veränderung von Masse, Spannung, Stellung, Elastizität und Form der Stimmlippen - sei es durch organpathologische Prozesse oder durch fehlerhafte Koordination der laryngealen Muskelaktivität - beeinflusst das Phonationsergebnis nachteilig (Abb. 3). Schwingungsunregelmäßigkeiten und/oder Strömungsgeräusche bei unvollständigem Glottisschluss führen zum Auftreten unharmonischer Teiltöne (Geräuschanteile) im Vokalspektrum und zur Entstehung des heiseren Klangeindruckes (Abb. 3).
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Abb. 2: Stimmerzeugung im Kehlkopf. Der Ausatmungsstrom gegen die geschlossene Glottis (1, 2) führt zu einem subglottischen Druckanstieg mit Öffnung der Glottis (3, 4). Dadurch fällt der subglottische Druck ab und myoelastische-aerodynamische Kräfte leiten den Stimmlippenschluss ein (5, 6). Insgesamt resultieren periodische Verdichtungen und Verdünnungen des Ausatemstromes.
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Abb. 3: Schematische Übersicht über die ätiologischen Faktoren und pathogenetischen Mechanismen, die zum Auftreten von Heiserkeit führen.

 

Eine große Anzahl ganz unterschiedlicher ätiologischer Faktoren können den Schwingungsablauf im Kehlkopf negativ beeinflussen (Abb. 3). Aufgrund der relativ uniformen pathogenetischen Abläufe und die beschränkten Reaktionsmöglichkeiten des Stimmorganes auf Schädigungen besteht kein direkter Zusammenhang zwischen den auslö­senden ätiologischen Ursache und der resultierenden Symptomatik. Dies umso mehr, als durch den Aufbau sekundärer funktioneller bzw. organischer Störungen die primäre auslösende Ursache verdeckt werden kann (Abb. 3). D.h., es ist nicht möglich und auch nicht zulässig, von dem Grad und der Art der Heiserkeit auf die zugrunde liegende Störung rückzuschließen, sodass eine Abklärung der Heiserkeitsursachen in jedem Fall notwendig ist. Im Mittelpunkt steht dabei neben der Anamnese und der Beurteilung der Stimmklanges die otorhinolaryngologische Untersuchung, insbesondere die Spiegeluntersuchung und Stroboskopie des Kehlkopfes.
Ätiologisch lassen sich zwei große Gruppen abgrenzen: Organische und funktionelle Dysphonien (Abb. 3).
Als organische Dysphonien fasst man all jene Erkrankungen zusammen, bei denen sich bei der klinischen Untersuchung ein organpathologisches Substrat als Ursache für die Stimmstörung nachweisen lässt. Dieses Substrat findet sich überwiegend im Bereich des Kehlkopfes und wird mit der dafür adäquaten Untersuchungstechnik, wie Laryngoskopie oder Stroboskopie, identifiziert. Läßt sich ein solches organpathologisches Substrat nicht finden, spricht man von einer funktionellen Störung.
Die Abgrenzung zwischen organischen und funktionellen Störungen ist nicht scharf, sondern fließend zu sehen. Die Unterscheidung ist auch nur sinnvoll, wenn die primäre Erscheinung des Krankheitsprozesses gekennzeichnet werden soll, da funktionelle Abweichung zu sekundären organischen Veränderungen führen können, andererseits organische Veränderungen mit Beeinträchtigung der Funktion (sekundäre funktionelle Störungen) verbunden sind (Abb. 3). Zwischen funktionell und organisch bestehen somit keine exklusiven, sondern komplementäre Beziehungen. Eine Differenzierung in organi­sche und funktionelle Ursachen hat sich jedoch in der Klinik vor allem im Hinblick auf die einzuschlagende Therapie bewährt.
Letzte Aktualisierung: 11.05.2017