Ein guter Schluck sollt mir gar köstlich munden!

Schluckstörungen

​Vitale Funktionen

An keiner anderen Stelle unseres Körpers vereinen sich so viele eng miteinander verbundene vitale Funktionen wie in unserem orofacialen System: Atmen, Saugen, Kauen und Schlucken, Riechen und Schmecken, der Beginn der Verdauung, sowie der Schutz der Atemwege. Das dahinterstehende neuromuskuläre System ist aber auch für die Kommunikation, also Stimmgebung, Artikulation und Mimik verantwortlich.
 
Schlucken und Nahrungsaufnahme gehören – als vitale Funktionen – zu den grundlegenden Bedürfnissen des Menschen und zählen zu den am häufigsten in unserem Körper stattfindenden Vorgängen: wir schlucken zwischen 600 und 2000 mal pro Tag. Schluckstörungen und Schluckprobleme sind lebensbedrohliche Erkrankungen und mindern die Lebensqualität erheblich. Der Schluckvorgang wird meist erst dann bewusst wahrgenommen, wenn er durch eine Störung beeinträchtigt ist. Als Dysphagie bezeichnet man jede Störung des Schluckvorganges, Odynophagie bezeichnet Schmerzen beim Schlucken, dagegen wird als Globusgefühl das Gefühl einen „Knödel“ im Hals zu haben bezeichnet, das vorwiegend beim Leerschlucken auftritt, ohne dass die Nahrungsaufnahme beeinträchtigt wäre.
 
Nahrung und Speichel werden über Mund, Rachen und Speiseröhre in den Magen transportiert. Besonders störanfällig ist der Kreuzungsbereich von Luftweg und Speiseweg. Damit nicht Speichel und Nahrung über den Kehlkopf in die Luftröhre bzw. unnötige Luft nicht in die Speiseröhre gelangen hat der menschliche Körper besondere Schluss- und Sicherheitsmechanismen entwickelt. Der Schluckvorgang ist ein willkürlich eingeleiteter, in Folge als Reflexkette rasch innerhalb von Sekunden ablaufender Vorgang.

Hauptprobleme bei Schluckstörungen

Zwei Hauptprobleme treten bei Schluckstörungen auf: Einerseits die unzureichende Nahrungsaufnahme, andererseits die sogenannte Aspiration, das bedeutetet, dass Sekret, Speichel und Nahrung in die tieferen Atemwege gelangen was zu, nicht selten letal verlaufenden, pulmonalen Komplikationen führt.
 
Neueste Untersuchungen zeigen, dass bis zu 50% der Bewohner geriatrischer Pflegeheime und in Spitälern 10-20% der Patienten Schluckprobleme haben und durch diese in ihrer Gesundheit bzw. ihrem Genesungsprozess gefährdet sind. Es kommt dabei bei etwa 40 % der Patienten zu einer sogenannten „stillen Aspiration“, d.h. unbemerkt ohne die typischen Symptome wie Hustenreiz und Räusperzwang bei der Nahrungsaufnahme.

Behandlungskompetenz Phoniatrie

Auf Grund der engen anatomischen und funktionellen Zusammenhänge zwischen Kommunikations- und Schluckorganen nimmt sich zunehmend die Phoniatrie (Stimm- und Sprachheilkunde) der Diagnostik und Behandlung der Schluckstörungen an.
 
Auf Grund der engen Verflechtungen mit anderen Fachgebieten haben sich dabei international interdisziplinäre „Schluckgruppen“ bewährt und eine solche „Interdisziplinäre Arbeitsgruppe für Schluckstörungen“ besteht seit nunmehr 5 Jahren an der Klinischen Abteilung für Phoniatrie der HNO-Univ.-Klinik Graz. In regelmäßigen gemeinsamen Sitzungen zwischen HNO Ärzten/Phoniatern, LogopädInnen, Radiologen, Gastroenterologen, Neurologen, Chirurgen, wird dabei das diagnostische und therapeutische Vorgehen bei den einzelnen Patienten besprochen.
 
Grundlage der Diagnostik ist die Erhebung eines Organstatus und der funktionellen Abläufe im Mundrachen und Kehlkopfbereich, die videoendoskopische Schluckdiagnostik, d.h. die Beurteilung des Schluckvorganges mittels flexibler Endoskopie unter Videoaufzeichnung und die Röntgen-Videokinematographie des Schluckaktes sowie die logopädische Diagnostik. Ergänzt wird diese Diagnostik durch gastroenterologische Untersuchungen wie 24-Stunden-pH-Metrie, Oesophagus-Manometrie und pulmonologische Abklärungen bei Verdacht auf Aspiration.
 
Die häufigsten Ursachen für Schluckstörungen sind einerseits Zustände nach (Tumor-) Operationen und/oder Bestrahlungen im Kopf-Halsbereich, andererseits Schluckstörungen neurologischer Genese: Insult, Schädel-Hirn-Traumen, Kehlkopflähmungen, Bulbärparalyse u.v.a.
 

Entsprechend der manigfaltigen Ursachen ist es erforderlich, für jeden Patienten ein „maßgeschneidertes“ Therapiekonzept zu erstellen. Das Ziel ist in jedem Fall erstens die Sicherstellung der Ernährung und zweitens die Vermeidung pulmonaler Komplikationen.

Die therapeutischen Möglichkeiten erstrecken sich dabei von der chirurgischen Wiederherstellung des Schluckweges über medikamentöse Beeinflussung der Bewegungen und Druckverhältnisse in Rachen- und Speiseröhre bis hin zum funktionellen Schlucktraining. Gerade die funktionelle Schluckrehabilitation stellt einen wichtigen und stark zunehmenden Aufgabenbereich der logopädischen Therapie dar. Es wurden in den letzten Jahren eine Vielzahl an differenzierten und hocheffektiven funktionellen Methoden erarbeitet, die es in vielen Fällen ermöglichen, Betroffene trotz schwerer organischer und/oder funktioneller Defizite und Ausfälle wiederum oral zu ernähren und ihnen damit einen wesentlichen Teil an Lebensqualität wiederzugeben.

 

Letzte Aktualisierung: 14.08.2018